Rede von Kurt Schrage, Dozent für Fotodesign, anläßlich der Ausstellungseröffnung -Zu Hause in der Fremde- im IGM-Haus Bochum vom 27.07.2001


Ein Fünftel Sekunde aus der Wirklichkeit

Als Walter Benjamin in seiner Kleinen Geschichte der Photographie die Annahme äußerte: Dass nicht der Schrift-, sondern der Fotografie-Unkundige der Analphabet der Zukunft sei, stellte er ein Sprachbild zur Verfügung, das auch 70 Jahre nach seiner ersten Drucklegung nichts an Gültigkeit verloren hat.

Die Gründe für das visuelle Analphabetentum sind vielfältig. Das Fundament hierfür legte die Fotoindustrie mit dem Versprechen: You press the buttom, we do the rest. Sie drücken auf den Knopf, wir machen den Rest. Die Industrie gibt zu verstehen, dass die Herstellung einer Fotografie das reinste Kinderspiel sei.

Künstlerische Fähigkeiten sind scheinbar nicht erforderlich. Die Komposition des Bildes, der Umgang mit Licht und Schatten und das besondere Gespür für Situationen all das übernimmt laut diesem Versprechen die Fotoindustrie.

Dieses Denken hat sich in einigen Köpfen verfestigt. Fotografie-Unkundige stehen häufig vor einem Abbild und lassen sich zu der Aussage hinreißen: Das kann ich auch! Oder sie sagen mit Blick auf die Technik: Ja, wenn ich eine Nikon hätte, gelänge mir auch so ein Bild.

Wie abwegig solche Aussagen sind, zeigt der Vergleich mit einem Schriftsteller. Niemand würde auf die Idee kommen, von sich zu behaupten, er könne, weil er zufällig einen PowerMac besitzt, ein erstklassiges literarisches Werk schreiben. Einen Bildhauer fragt auch niemand nach dem Hersteller seines Hammers und Meißels. Bei Fotografen hingegen sind solche Fragen erlaubt.

Nach einer Definition des Astrophysikers Herschel heißt Fotografie: Das Schreiben mit Licht.

Im visuellen Gedächtnis jedes Einzelnen sind Unmengen solcher mit Licht geschriebene Bilder abgespeichert. Vor allem sind es die farbigen Bilderwelten, die im Gedächtnis haften bleiben. Das schwarzweiße in zarte Grautöne umgesetzte Abbild indes verblaßt im Erinnerungsvermögen. Es mutet anachronistisch an, erinnert es doch an die eigene Kindheit, als die Umwelt noch grau und die Fotos im privaten Familienalbum Schwarzweiß waren, - häufig mit einem nostalgischen Büttenschnitt versehen.

Damals löste die Farbfotografie noch Irritationen aus. Heute nimmt diesen Platz das Schwarzweißbild ein. Es erlebt derzeit eine Renaissance, da es im Gegensatz zu den bunten Bilderwelten ohne Farbschminke auskommen muß und vom Fotografen künstlerische und handwerkliche Meisterschaft erfordert. Jeder technische Mangel wird unmittelbar sichtbar, jede gestalterische Inkompetenz macht aus einem wohlgemeinten Schwarzweißbild ein wertloses Stück Papier.

Für diese Ausstellung hat Bernd Schäfer eine Werkgruppe aus 26 Porträts zusammengestellt und ihr den Titel: -Zuhause in der Fremde- gegeben. In seiner Sichtweise auf Menschen, die aus politischen und sozialen Gründen ihr Geburtsland verlassen haben, ist der warme Blick erkennbar, wie er meist im privaten Familienalbum zum Ausdruck kommt. Der warme Blick ist auf Menschen gerichtet, denen man vertraut, die zur Familie gehören, zum Freundeskreis oder denen man als Fotograf aus anderen Gründen freundschaftlich gegenüber steht.

Der kalte Blick hingegen versucht zu entlarven, zu taxieren, zu diskreditieren, jemanden bloßzustellen. Fotografen mit dem kalten Blick überprüfen ihre Gegenüber auf deren Verwertbarkeit.

Das hat Tradition.

Mitte des 19. Jahrhunderts glaubten westliche Gelehrte, sie könnten allein an der Gestalt eines Gesichtes auf die inneren Eigenschaften eines Menschen schließen. Als Beweismittel nutzten sie die Fotografie. Zusammengewachsene Augenbrauen, schmale Lippen, angewachsene Ohrläppchen, eine andere Hautfarbe waren ausgemachte Merkmale, einen Menschen zu verurteilen. Das westliche Bürgertum und den Adel wollten diese Gelehrten dann auch an der wohl geschnittenen Kopfform, der intellektuellen Feingliedrigkeit und der vernehmen Blässe erkennen können. Eine Denkweise, besser bekannt als Rassismus, Sklaverei und Apartheid, der bis heute Millionen von Menschen zum Opfer fallen sind. Dass dieses Denken ein Korrektur erfährt, dazu soll diese Ausstellung beitragen.

Bernd Schäfer machte sich mit der Sehmaschine Kamera ein Bild von seinem Gegenüber. Dabei waren Vorüberlegungen notwendig: Den warmen Blick habe ich bereits erwähnt. Hinzu kommt die Wahl zwischen vorhandenem Licht und Blitzlicht. Die Wahl des Filmmaterials und des Objektivs.

Bernd Schäfer machte sich dieses Bild sagen wir im Bruchteil der Standardbelichtungszeit von 1/125 Sekunde. Und er machte es sich, was dabei wesentlich ist, in diesem Augenblick und nicht in dem Augenblick davor und auch nicht in dem Augenblick danach. Addiert halten erst 125 Aufnahmen eine Sekunde aus der Wirklichkeit fest, was technisch allein mit der Zeitlupen-Filmkamera möglich wäre. So gesehen hängen an diesen Räumen 26 fotografische Abbilder, die ein Fünftel Sekunde subjektive Wirklichkeit darstellen.

Dieses abschließende Rechenexempel ist nicht abwertend gemeint. Vielmehr verweist es auf die fotografische Realität, mit der sich jeder ernsthafte Fotograf auseinandersetzen muß. Das Rechenexempel soll aber auch verdeutlichen, wie sinnvoll es ist, das Alphabet der Fotografie zu kennen. Weil die bunten Bilderwelten vor allem eins machen: Sie verkleben unsere Augen, um vom Wesentlichen abzulenken.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit